Die Businesswochen – vom 14.10. bis 27.10.2019
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Andreas Furtwaengler DSC3316Bild: Andreas Furtwängler

"Ich bin angekommen"

Andreas E. Furtwängler durchlief tiefe Täler auf dem Weg zu seiner Arbeit als Künstler

Es gibt die technische Seite eines Künstlers, die klar zu beschreiben ist: Bei Andreas E. Furtwängler ist das nicht anders. Er malt in Acryl oder Gouache, nutzt die Technik des Airbrush. Seine Skulpturen führt er in Stahl aus, er nutzt Bleche, Rohre oder Vollmaterial. Sein Weg hin zu seiner Kunst war allerdings nicht stringent, nicht strukturiert, er war kurvenreich. Dunkle Täler hatte er zu durchleben, körperliche und seelische Abstürze, persönliche Dramen. Jetzt kann er sagen: „Ich bin angekommen in meiner Tätigkeit, ich bin glücklich damit, was ich machen kann.“

Andreas E. Furtwängler sagt: „Als Künstler muss man durch ein Tal gehen, sonst kann man nicht auf dem Berg landen.“ Die Täler, die der heute 50-Jährige durchschritt, waren tief, enorm tief, ein schwarzes Loch mit einem klitzekleinen Licht an einem ganz fernen Horizont. „Ich habe mit zehn Jahren gewusst, dass ich Künstler werde“, sagt Furtwängler. In jungen Jahren hielt er schon Original-Lithografien von Dali in der Hand, sein Zimmer zierten Poster von Kunst-Ausstellungen, der Weg in eine Böblinger Galerie war sein erster nach der Schule.

Sein Vater hielt nichts von dieser Idee, Furtwängler begehrte auf, griff zum Alkohol, verfiel komplett der Flasche, lebte bei Freunden, teilweise auf der Straße. Ehe er ein „Schlüsselerlebnis hatte“, wie er betont: Er wachte nach einer durchzechten Nacht auf, blickte in einem etwas klaren Augenblick durch das Fenster seiner Unterkunft, sah den Sonnenaufgang und erkannte in dieser Situation: „Ich will leben. Ich habe zu viel in mir, das will ich rauslassen.“

Was folgte, waren Entzug, waren Zeiten der finanziellen Not, waren die Anfänge des Malens - auf Holz. „Ich habe in einem Zimmer gelebt und hatte kein Material, auf dem ich malen konnte. Ich habe die Möbel auseinander genommen, habe auf die Bretter gemalt und hatte dann irgendwann meine Klamotten auf dem Boden liegen“, erzählt Furtwängler.

Der Böblinger betrieb aber nicht nur eine körperliche Hygiene, er reinigte auch seine Seele. Er ordnete seine Gedanken, ließ seinen Ideen Raum, umgab sich mit Menschen, in deren Nähe er sich wohl fühlte und fühlt, stürzte sich in seine Arbeit, die für ihn auch „eine Art Selbsttherapie“ war. Eine Therapie, die erfolgreich war. „Als ich während einer Therapie Dachlatten mit Leinwand bespannt habe, war das für mich ein Akt der Befreiung“, sagt Furtwängler, den seine Arbeit, seine Kunst und vor allem die Möglichkeit, die Kunst ausleben zu dürfen, „am Leben gehalten hat“.

Mit Böblingen, seiner Heimatstadt und der Stätte tiefer Finsternis, hatte Furtwängler nahezu gebrochen, zumindest hatte er einen Strich gezogen. „Wenn ich wieder komme, dann komme ich groß zurück“, das war sein Gedanke.

Nun, Andreas E. Furtwängler hat dieses selbst gesetzte Ziel erreicht: Er hat sich in der Kunstwelt einen Namen geschaffen, er ist seit 2009 Mitglied des Landesverbands Bildender Künstler. „Böblingen wurde von mit lange Zeit ausgespart. Jetzt kann ich wieder hier durchlaufen“, sagt der Künstler, mit sich und der Stadt offenbar im Reinen. Großartig ist auch, dass seit 31 Jahren das Thema Alkohol keine Rolle mehr spielt, dass in seinem Kopf große Klarheit herrscht.

Insekten haben es Furtwängler angetan. Sie sind regelmäßig Thema seiner Arbeiten. „Die Faszination dieser Tiere schlummerte schon immer in mir“, sagt der Autodidakt, der „einen Brückenschlag zwischen Mensch und Insekt“ schaffen wolle. Zentrale Themen seiner Arbeit sind Metamorphose und Urängste. Der Prozess von der Raupe zum Schmetterling findet Einfluss in die Tätigkeit, die Furcht der Menschen vor Spinnen ebenso. Eine Spinne ist eines seiner imposantesten Werke: Die Großskulptur, sie wiegt 1,4 Tonnen, die Beine der Spinne sind bis zwölf Meter lang, steht in Österreich an der Kristallhütte im Zillertal. „Als ich die Idee hatte und dem Hüttenwirt davon erzählte, hielt der mich wahrscheinlich für einen Spinner und Schwätzer“, sagt Furtwängler, dem es aber ernst war damit. Und der seine Idee in die Tat umsetzte, die Skulptur plante, an ihr arbeitete, sich an ihr abarbeitete, und sie schließlich zu Ende brachte. Furtwängler: „Der Weg hin zum fertigen Objekt war extrem spannend und aufreibend, das ist auch heute noch so. Die emotionale Bindung zu dieser Spinne ist immer noch da.“ Seither ist der 50-Jährige im Zillertal ein überaus gerne gesehener Gast, der vielfach Einladungen erhält. Im Jahr 2003 war Furtwängler mit dem Material Stahl durchgestartet. Er erlernte die Technik des Schweißens, das Gefühl für den Stahl „hatte ich in mir, es wollte heraus“.

Viele Jahre arbeitete Furtwängler mit einem Kollegen in einem gemeinsamen Atelier, seit 2012 ist er in Malmsheim in seinem eigenen Atelier anzutreffen, dass er „hochwertig und schön“ eingerichtet hat. Er fühle sich dort, er fühle sich auch in seiner Arbeit angekommen, sagt Furtwängler, der aber eines betont: Zufrieden sei er nicht. Denn das Wort „zufrieden“ beinhalte für ihn zwei Teile, „zu“ und „Frieden“ - das bedeute für ihn Stagnation. Und das ist etwas, was Andreas E. Furtwängler nun überhaupt nicht gebrauchen kann. Vielmehr benutzt er einen Vergleich aus dem Automobilbau: Aus der Windschutzscheibe könne man weit nach vorne schauen, im Rückspiegel sehe man nur einen kleinen
Ausschnitt. „Ich will nach vorne schauen, ich kann die Vergangenheit nicht ändern“, sagt Furtwängler, die Vergangenheit leugnen aber auch nicht. Vielmehr ist sie ein Grund, warum aus ihm der erfolgreiche Künstler geworden ist, der er ist.

Er lebt!

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